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Das Geheimnis, Kindern Geheimnisse zu entlocken

Wouter Vaessen ist ehemaliger Ermittler der niederländischen Kriminalpolizei, spezialisiert auf Sexualdelikte, und verfügt über langjährige Erfahrung in Gesprächen mit Kindern, die schwere Geheimnisse mit sich tragen. Heute arbeitet er bei Veilig Thuis, der zentralen Beratungsstelle bei Gewalt gegen Kinder, Partnern und Familien. Wir haben nachgefragt: Wie können wir Kinder vor sexualisierten Gewalt schützen? 
 

Porträt von Wouter Vaessen

Laura Rüther

07.05.2026

Lesezeit 2 Minuten

Herr Woulter, Sie entlocken beruflich schon lange Kindern Geheimnisse. Sie haben zum Teil mit sehr schwierigen Fällen zu tun, wie sexualisierte Gewalt. Wie machen Sie das? Und was raten Sie Eltern, gerade auch wenn es um harmlose Geheimnisse geht als die, denen Sie in ihrem Alltag ausgesetzt sind? Wie gewinnt man das Vertrauen, wann öffnen sich Kinder am besten?

In meiner Arbeit sehe ich immer wieder, dass Kinder im Alltag ohnehin oft im „Nein-mach-das-nicht“-Modus leben. Sie wollen nichts falsch machen und fürchten sich davor, Ärger zu bekommen. Diese Grundangst führt dazu, dass sie mit belastenden Themen selten von selbst herauskommen. Deshalb gebe ich Eltern und Fachkräften einen einfachen, aber sehr wirkungsvollen Tipp: Suchen Sie jeden Tag einen kurzen Moment echten Kontakts. Ein persönliches „Hallo“ oder „Wie geht es dir?“ ohne Handy, ohne Fernseher – nur wirkliche Aufmerksamkeit. Das klingt simpel, aber Kinder öffnen sich eher, wenn sie spüren, dass ein Erwachsener ehrlich interessiert ist. Wenn man ein Gespräch über ein schwieriges Thema beginnen möchte, hilft ein entlastender Satz enorm. Zum Beispiel: „Du kannst mir alles erzählen. Ich werde nicht sauer, ich gebe dir keine Strafe, ich werde dich nicht auslachen und ich finde nichts seltsam.“
Genau das sind die Ängste, die viele Kinder zurückhalten. Und bei sexualisierter Gewalt gilt ausnahmslos: Kinder tragen keinerlei Schuld. Trotzdem fürchten sie sich oft mehr vor der möglichen Reaktion eines Erwachsenen als vor dem, was tatsächlich passiert ist. Wichtig ist daher, diesen Satz auch wirklich zu leben: nicht lachen, nicht schimpfen, nicht geschockt reagieren. Man darf selbstverständlich Emotionen zeigen das ist menschlich. Entscheidend ist nur, dass das Kind spürt, dass seine Worte sicher sind. Was sehr hilft, ist das Gesagte zunächst zu spiegeln: also wörtlich wiederholen, was das Kind gesagt hat, ohne etwas umzuformulieren oder zu ergänzen. Zum Beispiel: „Ich habe dich gehört. Du hast gesagt: …“
Das gibt dem Kind das Gefühl, ernst genommen zu werden. Danach kann man ruhig sagen, dass man kurz darüber nachdenken möchte und später darauf zurückkommt. So bleibt das Gespräch offen, ohne das Kind zu überfordern.

Laut eines Zeitungsartikels macht in jeder Schulklasse etwa zwei bis drei Kinder Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Das ist eine schockierende Zahl.

Ja, die Zahlen, die Sie in der FAZ gelesen haben, decken sich mit den Daten, die wir in den Niederlanden sehen. Auch hier geht man davon aus, dass in jeder Schulklasse etwa zwei bis drei Kinder Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht haben. Das ist erschreckend, aber leider realistisch. Und genau deshalb ist es so wichtig zu verstehen, dass Missbrauch bei Kindern häufig unsichtbar bleibt. Kinder sind erstaunlich gut darin, ihre Geheimnisse zu verstecken aus Angst, etwas falsch gemacht zu haben oder weil sie unsicher sind, wie Erwachsene reagieren. Viele Jahre lang war ich Ermittler der niederländischen Kriminalpolizei, spezialisiert auf Sexualdelikte, und habe täglich mit Kindern gesprochen, die sehr schwierige Geheimnisse mit sich trugen. Oft kamen Kinder zu mir, deren „Geheimnis“ kurz davor war, entdeckt zu werden. Man sah förmlich, wie schwer dieses Geheimnis auf ihren Schultern lag. Wenn sie dann endlich sprechen konnten und ich ruhig zuhörte, ohne zu urteilen, sah man die Erleichterung manchmal schon nach den ersten Sätzen.Aus genau diesen Erfahrungen heraus haben wir das Kinderbuch „Sam und das dunkle Geheimnis/Sam en het niet-leuke geheim“ entwickelt. Das Buch benennt bewusst nicht, was Sams Geheimnis ist. Fast jedes Kind fragt am Ende: „Was ist das Geheimnis von Sam?“ Und genau dann öffnet sich ein natürlicher Moment für eine offene Frage: „Was denkst du und kennst du vielleicht selbst ein Geheimnis, das sich so ähnlich anfühlt wie bei Sam?“
 

Das Gespräch führte Laura Rüther.

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