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Aufklärung – wie geht das?

Es gibt Themen, die man ungern in großen Runden im Bekanntenkreis oder beiläufig bei einem Abendessen bespricht. Selbst mit den eigenen Kindern kann Unsicherheit im Umgang mit Themen wie Sexualität auftreten, da es gesellschaftlich eher in die Kategorie Tabuthema fällt. So kann es sein, dass die Periodenblutung vor dem dreijährigen Kind, das beim mütterlichen Toilettengang das Konzept von Alleinzeit noch nicht verstanden hat, verheimlicht wird. Wie soll man einem kleinen Kind erklären, dass das Blut, dass die Mama verliert, kein Grund zur Sorge ist und nicht vergleichbar ist mit der schlimm blutenden Wunde vor einer Woche? Zu komplex scheint der Prozess des weiblichen Zyklus. Wie soll das ein kleines Kind verstehen?

Eine Biene an einer Blüte

Laura Rüther

07.05.2026

Lesezeit 7 Minuten

Wie mit Periode, Aufklärung oder Doktorspielen umgegangen wird, ist auch eine Frage der Familienkultur. Wurde zu Hause im eigenen Elternhaus offen über gesellschaftlich tendenziell schambehaftete Themen gesprochen? Wie stark ist mein persönliches Schamgefühl? Allein der Umgang mit Nacktheit wird in der Familie sehr unterschiedlich behandelt. In Sachen Vorbildfunktion, die bei allen Erziehungsfeldern ein erhebliches Gewicht einnimmt, kann hier das Mittelmaß beworben werden. Nacktheit zwanghaft zu vermeiden ist genauso abträglich, wie sie zur Schau zu stellen. Bei dem Schamempfinden der Kinder ist Feinfühligkeit gefragt. Ist das Kind früher immer ungeniert nackt durch die Gegend gehüpft, achten Kinder mit Entwicklung des Schamgefühls zunehmend darauf, sich selbst nicht nackt zu zeigen.

Keine Scham 

Lena Meyer-Barzen ist Teil des multiprofessionellen Teams von pro familia Düsseldorf, wo sie zu Sexualität, Beziehung und Schwangerschaft berät. Die Sexualpädagogin erklärt, dass sich in den ersten sieben Jahren das Schamgefühl entwickelt. „Es wächst mit dem Ich-Bewusstsein und dem Selbstbewusstsein und ist quasi die Hüterin der Privatsphäre.“ Das Schamempfinden ist bei jedem Kind unterschiedlich stark ausgeprägt, daher sollte man akzeptieren, wenn das Kind im Schwimmbad schon mit sechs Jahren beim Wechsel vom Schwimmanzug in die Alltagsklamotten ein Handtuch vorgehalten bekommen möchte. „Grenzen setzten ist eng mit der Scham verbunden und hier agieren die Eltern auch wieder als Vorbild. Da kann es sogar positiv sein, wenn der Vater seine eigene Grenze setzt und dem kleinen Kind nicht erlaubt, sein Genital anzufassen, anstatt wie sonst die Neugierde des Kindes zu unterstützen. So lernt das Kind, dass es Körpergrenzen gibt und wie man sie verteidigen kann.“ Kontinuierliche Beziehungsarbeit ist Voraussetzung für erfolgreiche Aufklärungsarbeit. Bin ich nah am Kind dran, weiß ich, was es gerade beschäftigt, und wann ich gut ein Gespräch über Kinderkriegen oder den ersten Samenerguss initiieren kann. Die sexuelle Aufklärung ist nicht das eine große Gespräch, sondern sollte als ständiger Teil in die Kindeserziehung einfließen. Wichtig ist, die relevanten Themen nicht erst dem pubertierenden Kind aufzutischen. Jugendliche in der Pubertät lehnen tendenziell alles, was von den Eltern kommt, ab.

Aufklärung für Kleinkinder 

Aufgeklärte Kinder kennen Grenzen und wissen, was Erwachsene und andere Kinder „dürfen“ und was nicht. Deswegen ist sexuelle Aufklärung auch Missbrauchsschutz und sollte schon im Kleinkindalter starten. Lena Meyer-Barzen rät dazu, die unterschiedlichen Bereiche im Genitalbereich mit den richtigen Begriffen zu benennen. Jungen haben einen Penis und Hoden und Mädchen eine Vulva und Vagina. Eltern sollten nicht zu Verniedlichungen greifen wie Schatztruhe und Willi, sondern auch im Sinne von Gewaltschutz Begriffe nutzen, die ganz klar mit dem Geschlechtsteil in Verbindung gebracht werden. Scheide kann man nutzen, selbst wenn es ein veralteter Begriff ist, aber jeder weiß, was gemeint ist. Meistens meinen Kindern ihre Vulva, sprich alles, was sie „sehen“ können. Vulva ist der äußere Teil des weiblichen Genitalbereichs, der alles umfasst. Die Vagina ist der innere Muskelschlauch. Wenn man beobachtet, dass sein Kind seine Genitalien ertastet oder im Spiegel anschaut, sollte man das nicht unterbinden. Sogar Körpererkundungsspiele, weitläufig als Doktorspiele bekannt, gehören zur psychosexuellen Entwicklung von Kindern oftmals dazu und stellen bei Drei- bis Fünfjährigen ein typisches Verhalten dar. Sie sind gut für die Entwicklung, aber brauchen Regeln. Wer das als Eltern mitbekommt, kann nachfragen und dafür sorgen, dass folgende Rahmenbedingungen eingehalten werden: Kinder sollten maximal eineinhalb Jahre auseinander sein bzw. denselben Entwicklungsstand haben. Es sollten keine Gegenstände benutzt oder in Körperöffnungen eingeführt werden. Es soll für die Kinder zwar in der Privatsphäre ablaufen können, aber es braucht ein Mindestmaß an Aufsicht. Freiwilligkeit ist Grundbedingung und Grenzen müssen geachtet werden. Keinem Kind darf wehgetan werden.

Fragen und Antworten 

Stellt ein Kind eine Frage, ist es auch alt und reif genug für die Antwort. Lena Meyer-Barzen erzählt, dass viele Eltern die Beratung unter anderem auch als Anlaufstelle nutzen, wenn sie sich mit bestimmten Kinderfragen überfordert fühlen. Für solche Situationen hat die Sexualpädagogin eine gute Strategie an der Hand, die die Gefühle der Kinder validiert und den Eltern Zeit verschafft. Sie rät nach einer Antwort in folgender Art: „Das ist eine tolle und spannende Frage. Ich mach mir jetzt mal einen Tee (oder: hole nur kurz die nasse Wäsche aus der Maschine) und dann antworte ich dir in Ruhe.“ Damit hat man signalisiert, dass die Frage gut war und weder unpassend noch schambehaftet (als Eltern sollte man mutige Fragen unterstützen) und hat dann Zeit während der Teezubereitung (oder der Wäsche) die Worte zurechtzulegen, noch etwas zu googeln oder ein passendes Kinderbuch rauszuholen. Das dreijährige Kind, wie im Beispiel oben, wird die Periodenblutung in ihrer ganzen Komplexität noch nicht verstehen, aber wenn es die Menstruation der Mutter mitbekommt, und fragt, warum die Mama Blut verliert, kann man es auch als Anlass nutzen die Gebärmutter und Schwangerschaft zu erklären. Lena Meyer-Barzen würde in etwa wie folgt antworten: „Blut ist normalerweise zu sehen, wenn sich eine Person verletzt hat, aber bei dem Periodenblut ist es anders. Die Gebärmutter wollte sich für ein mögliches Geschwister ein Nest aus Blut bauen und da ich nicht schwanger geworden bin, wird das Blut jetzt nicht mehr gebraucht und deshalb muss das aus der Gebärmutter raus. Das kommt jetzt aus der Vagina, ist aber nicht gefährlich.“ Kommen keine Fragen vom Kind, können Eltern auch Gelegenheiten schaffen. Jedes Kind sollte wissen, woher die Babys kommen, bevor es in die Schule kommt. Ein Grund dafür ist, dass Eltern ab dann nicht mehr die volle Kontrolle über die Informationen haben, zu denen die Kinder Zugang haben. Da Kinder ich-bezogene Wesen sind, sind sie meist sehr daran interessiert, wie alles bei ihnen begonnen hat. Wie es als Baby im Bauch gestrampelt hat, wie sich alle auf die Ankunft gefreut haben. Wenn das Kind dann selbst fragt, wie es in den Bauch der Mutter gekommen ist, ist das der Anlass, dein Kind in simplen Worten aufzuklären. Je nach Alter kann kurz und bei weiteren Nachfragen konkreter geantwortet werden. Damit das Baby in den Bauch kommt, braucht es eine Samenzelle von einem Mann und eine Eizelle von einer Frau. Oft reicht das schon so. Fragt ein Kind weiter, kann man nach und nach immer detaillierter werden. Vier- bis Fünfjährige sind mit ihrer kognitiven Entwicklung schon viel weiter, da kann man durchaus erklären, dass die Vagina den Penis in sich aufnimmt. Dass Erwachsene das tun, wenn sie sich lieben und dass das auch schön ist und nicht weh tut. Mit einer solchen Antwort können Kinder gut umgehen. Kinder verstehen schnell und lernen leicht. Sie sind eher damit überfordert, wenn die Realität nicht mit dem zusammenpasst, was die Erwachsenen erklären, also zum Beispiel vom Klapperstorch erzählt wird. Auch mithilfe von Anlässen, wie die Geburt eines Babys im Familien- oder Freundeskreis oder bei einem wachsenden Bauch einer Schwangeren kannst du gut in die Aufklärungsthematik einsteigen.

Aufklärung im Grundschulalter

Im Grundschulalter sollte einem Kind klar sein, wie ein Baby entsteht, damit es nicht durch anderweitige unpassende Medien oder Erklärungen der Mitschüler:innen erschüttert oder bloßgestellt wird. Den Job, den früher Jugendmagazine in Sachen Sexualaufklärung – Stichwort Dr. Sommer – erledigt haben, macht heute das Internet. Auch wenn Kinder selbst noch kein Smartphone besitzen, kommen sie über ältere Geschwister oder Schulkamerad:innen damit in Berührung. Und Google und ChatGPT beantwortet jede Frage mit Texten, Bildern oder Videos, die oft fehlerhaft und nicht kindgerecht sind. Auch deswegen ist es umso wichtiger, aus Sexualität kein Tabu zu machen und frühzeitig darüber aufzuklären. Im Laufe der Grundschulzeit sollten Eltern auch ein paar Informationen zum Thema sexuelle Vielfalt vermitteln. Das kann bedeuten, dem Kind zu erklären, warum manche Kinder zwei Mütter oder zwei Väter haben. Wichtiger als Details ist die Grundhaltung: „Wir Menschen sind unterschiedlich; jede:r ist wertvoll und keine und keiner sollte über andere urteilen.“ In der dritten Klasse haben Kinder zudem Sexualunterricht in der Schule.

Aufklärungsarbeit in der Pubertät

Die Pubertät ist die Zeit, in der Mädchen und Jungen ihre Geschlechtsreife erlangen. Mädchen durchlaufen sie meist zwischen dem neunten und dem 16. Lebensjahr, Jungen zwischen dem elften und dem 19. Lebensjahr. Die Pubertät beginnt, wenn das Gehirn dem Körper den Befehl zur vermehrten Produktion von Sexualhormonen gibt. Diese sorgen nicht nur dafür, dass sich der Körper der Teenager verändert – auch ihr Gehirn wird in der Pubertät komplett „umgebaut“. Der Frontallappen, der für die Vernunft zuständig ist, wird erst zum Schluss verändert. Deshalb werden in dieser Zeit die Gefühle teenagertypisch impulsiv in Handlungen umgesetzt und nicht wie beim Erwachsenen über den „vernünftigen“ Frontallappen rational hinterfragt und kontrolliert, bevor das Gehirn eine Reaktion auslöst. Hinzu kommen die Hormonschübe, die die Intensität der ungefilterten Gefühle noch verstärken. Im Teenageralter sind die Eltern bekannterweise nicht immer die beliebtesten Gesprächspartner. Idealerweise sollte das Wissen über Sexualität vor der Zeit dieser Stimmungsachterbahnen weitergegeben werden. Auf jeden Fall sollten aber die Eltern den Hauptteil der Aufklärungsarbeit leisten. Der Grund ist simpel: Zu Hause läuft das Gespräch in einem geschützten Rahmen ab. In der Schulklasse kommen lästige Zwischenrufe durchaus vor. Außerdem kann es sein, dass ein Kind sich im Beisein seiner Klassenkameraden nicht traut, die Fragen zu stellen, die ihm unter den Nägeln brennen.

Vorbereiten, einnorden, outsourcen

Bei dem Thema Periode sollten Eltern möglichst präventiv arbeiten, betont Lena Meyer-Barzen. Kein Mädchen will in der Öffentlichkeit überrascht werden, gar von anderen Kindern auf Blut an der Hose angesprochen werden. Da in der Schule keine Periodenprodukte bereitgestellt werden, kann man dem Kind für den Notfall in der Schule ein kleines Päckchen mit Binden vorbereiten. Ab dem Zeitpunkt, wo Regelblutungen einsetzen können, kann man das Thema zudem auch zu Hause kurz ansprechen: „Sobald du etwas brauchst, findest du es in dieser Schachtel hier und dann kannst du mich auch gern noch fragen, wie du damit am besten klarkommst.“ Verhütung gehört auch in die Kategorie Prävention. Auch wenn es einen Workshop über Verhütung in der Schule gibt, sollten Eltern sicherstellen, dass Kinder die Relevanz von Kondomen kennen, auch bezüglich der sexuell übertragbaren Krankheiten. Sexualität ist etwas sehr Intimes und nicht alle Kinder fühlen sich dabei wohl, mit ihren Eltern über Sex zu sprechen. Dafür gibt es gute Bücher und Broschüren. Aufklärung ist aber nicht nur reine Wissensvermittlung: Eltern tun gut daran, ihrem Nachwuchs vorzuleben, was Liebe, Zärtlichkeit und Respekt in einer Beziehung bedeuten. Wer merkt, dass das eigene Kind Pornos schaut, sollte klarstellen, dass das, was dort passiert, wenig mit der Realität zu tun hat. Pornos vermitteln in der Regel das Bild, dass Frauen ständig willig sind und Männer immer können. Neben dem üblichen Sexualkundeunterricht von erfahrenen Lehrkräften, der in der Regel in der siebten Klasse stattfindet, bieten Institutionen wie pro familia zusätzliche Formate in Düsseldorfer Schulen an. Lena Meyer-Barzen macht tolle Erfahrungen bei den dreistündigen Workshops mit Teenagern. Zum Teil öffnen sich die Schüler:innen in anderen Gruppenkonstellationen besser als in der ursprünglichen Klasse und es kommt ein guter Austausch zustande. Gerne teilen die Schüler:innen sich nach Geschlecht oder nach Freundesgruppen auf. Die Pädagogin findet es schön, wenn nach den ersten „Kicher-Giggel-Phasen“ die Kinder merken, dass jede noch so als provokant empfundene Frage vollkommen ernst genommen und beantwortet wird und sie ein sehr spannendes Themengebiet betreten. Die Pädagogin gibt zudem den Schüler:innen vorab die Möglichkeit, Fragen anonym zu stellen. Das rät sie auch stets den Lehrer:innen. Da für die Generationen Z und Alpha ihr Dr. Sommer, der anonyme Fragen klar beantwortet, noch nicht erfunden wurde, ist die anonyme Fragebox im schulischen Kontext eine ideale Maßnahme, um das Wissen der Kinder zu vervollständigen, ohne dass die Jugendlichen Schwellen übertreten müssen.

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