Regeln geben Halt. Routinen Sicherheit. So viel wissen wir. Aber sie liefern eben keine Antworten auf jede Situation. Sie sind nur das Rezept, gekocht werden muss trotzdem selbst. Es ist nicht so, dass ich niemanden fragen könnte, ganz im Gegenteil, doch manches muss genau dann passieren. Verantwortung findet oft im Präsens statt. Und nicht im Konjunktiv. Dabei sind manche Entscheidungen so klein, dass sie fast unbemerkt bleiben. Abends, wenn die letzten Spuren des Nachmittags beseitigt werden, drehen meine Gedanken eine letzte Runde. War ich zu streng? Zu sanft? Zu laut? Zu abwesend? Zu unlustig – ernsthaft? Keine Rückmeldung, kein Schulterklopfen. Nur mein eigenes stilles Echo, das mir zuredet: Lass schlafen. Morgen ist ja ein neuer Tag.
Manchmal geht es nicht um Nähe, sondern ums Aushalten. Ein Wunsch an der Kasse. Ein „nur dieses eine“. Natürlich genau jetzt. Augen, die schon mit ihrem Blick Besitz angemeldet haben. Der Protest, wenn’s mal nichts gibt, wird zum Schauspiel – ohne Generalprobe. Ich versuche, ruhig zu bleiben, auch wenn mein Inneres nicht immer auf mich hört. Ich entscheide. Nicht, um zu gewinnen, sondern um Orientierung zu geben.
Und manchmal ist es nur ein bestimmter Platz am Esstisch. Ein Platz, der heute nicht frei ist. Laute Tränen und Unzufriedenheit werden schnell zur Dauerschleife in meinem Kopf. Doch egal in welcher Situation und wie viele Augen zuschauen: Würde ich mich anders verhalten, wenn ich allein wäre? Atmen, dableiben, entscheiden. Nach einem klärenden Gespräch ist nicht immer alles wieder gut. Aber der Frieden ist erst einmal wieder hergestellt.
Meine neue Normalität ist geprägt von vier kleinen Augen, die auf mich gerichtet sind. Nicht aufs Drumherum. Nicht auf Reaktionen anderer. Sie sehen mehr, als ich es könnte: wie ich reagiere, wie ich auf andere achte, ob ich ausweiche, ob ich im Moment bleibe. Also versuche ich, SIE zu sehen. Nicht perfekt. Nicht immer sicher. Aber präsent. Ohne Beweis. Ohne Applaus. Mit einem leisen „Ja“ von innen. Und falls ich mich irre, gibt’s immerhin auch kein lautes „Buh“.