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Machen. Lassen.

Seine Kinder einfach machen zu lassen kostet Kraft und Nerven und Zeit und bedarf zudem jeder Menge Selbstreflexion. Warum es trotzdem so wichtig ist, ihnen ihren eigenen Kopf zuzugestehen und zu vertrauen, dass sie fĂŒr sich kompetente Entscheidungen treffen können.

MĂ€dchen klettert auf einem Seil-KlettergerĂŒst herum

Pia Arras-Pretzler

26.02.2024

Lesezeit 4 Minuten

An dieser Stelle habe ich schon mehrfach erwĂ€hnt, dass Erziehung durch die Normen, die GlaubenssĂ€tze, die Gegebenheiten einer Gemeinschaft geprĂ€gt wird. Was hierzulande wĂŒnschenswertes Verhalten ist, lehnen andere Kulturen kategorisch ab – weil es nicht ins System passt. So reagieren Eltern hierzulande deutlich öfter auf ihr lachendes, fröhlich strampelndes Baby, wĂ€hrend Kisii-Eltern in Westkenia ein solches Verhalten eher ignorieren: Im Gegensatz zu deutschen Eltern legen sie nĂ€mlich wenig Wert auf extrovertierte Kinder, fördern also entsprechendes Verhalten nicht. So funktioniert Erziehung ĂŒberall auf der Welt: Wir zeigen unseren Kindern auf unterschiedlichste Weise, was wir gut finden, und wir machen auch klar, was uns nicht so in den Kram passt.

Theorie und Praxis

So zumindest die Theorie. Wir sind ja grundsĂ€tzlich durchaus dafĂŒr, dass sich unsere Kinder zu selbststĂ€ndigen, selbstbewussten Menschen entwickeln. Aber es sind leider genau diese kindlichen Versuche, Selbstwirksamkeit zu ĂŒben, die unseren Zeitplan und unsere Nerven strapazieren. Deshalb passiert es im tĂ€glichen Chaos immer wieder, dass wir solche kindlichen VorstĂ¶ĂŸe im Keim ersticken, weil jetzt leider gerade wirklich nicht die Zeit dafĂŒr ist. Klar, Kinder sollten sich selbst die Schuhe binden können, aber wenn wir am Morgen spĂ€t dran sind, machen wir es lieber schnell selbst. VerstĂ€ndlich, aber auf Dauer vermitteln wir unseren Kindern auf diese Weise: Lass mich mal machen. Ich kann es besser.

Was braucht die Welt?

Dabei sind wir uns zumindest in meiner Blase einig: Wir möchten unsere Kinder zu selbststĂ€ndigen, empathischen, resilienten Wesen erziehen, die den Herausforderungen unserer Zeit gewachsen sind. Und die wĂ€ren: Nix ist fix, mal schauen, wie sich das alles entwickelt, so kann es jedenfalls nicht weitergehen. Die Erwachsenen von ĂŒberĂŒberĂŒbermorgen werden meiner Meinung nach vor allem ein gesundes Vertrauen in sich selbst und ein robustes NervenkostĂŒm brauchen. Sie sollten gelernt haben, um die Ecke zu denken und RĂŒckschlĂ€ge einzustecken, ohne sich davon entmutigen zu lassen. Und wie kann das gelingen? Genau, indem wir ihnen von klein auf zutrauen, sich ihren ganz eigenen Weg zu suchen. „Lass mich mal machen, ich kann es besser“ ist dabei wenig hilfreich.

Jeder Jeck ist anders

Das wird immer eine Gratwanderung sein. In unserem vollgepackten Familienalltag brauchen wir natĂŒrlich eingespielte Strukturen, wir können nicht alles diskutieren und tĂ€glich neu verhandeln, aber wir können ein GespĂŒr und ein grundsĂ€tzliches Wohlwollen fĂŒr die Versuche unserer Kinder entwickeln, sich ihrem ureigenen Wesen gemĂ€ĂŸ zu verhalten. Denn dieses Wesen kann sich grundsĂ€tzlich davon unterscheiden, wie wir selbst ticken und was wir toll finden. Wenn unsere VierjĂ€hrige etwa alle Spiele blöd findet, die wir ihr fĂŒr ihren Kindergeburtstag vorschlagen, dann könnten wir ihr auch anbieten, an ihrem besonderen Tag mit der besten Freundin eine Runde auf den Spielplatz oder ins Schwimmbad zu gehen und danach gemĂŒtlich Kuchen zu essen. Denn es sollte nicht wichtig sein, welche Art von Geburtstag ich mir fĂŒr mein Kind wĂŒnsche oder wie „man“ angeblich Kindergeburtstage feiert, sondern es sollte ein Tag sein, an dem das Geburtstagskind sich gesehen und geliebt fĂŒhlt, wie es ist. (Übrigens ein gutes Motto fĂŒr jeden Tag.)

Kinder brauchen Grenzen

Wenn von Grenzen fĂŒr Kinder die Rede ist, ist meist damit gemeint, dass Eltern signalisieren: bis hierhin und nicht weiter. Umgekehrt sollte aber klar sein, dass es – abhĂ€ngig vom Alter ihrer Kinder – auch fĂŒr Eltern Bereiche gibt, wo sie sich nicht einmischen sollten, die fĂŒr sie tabu sind. So wĂŒrde ich ein schlafendes Baby ungern zur nĂ€chsten Mahlzeit wecken. Ich hĂ€tte auch ein Ă€ußerst schlechtes Gewissen, den Tornister meiner Kinder „durchzusortieren“ – aber natĂŒrlich kein Problem damit, sie dazu anzuhalten, endlich all die Brotdosen rauszurĂŒcken, die mir in letzter Zeit fehlen. Ich wĂŒrde mich zurĂŒckhalten, ĂŒber ihre Freund:innen zu urteilen, und mich in Streitigkeiten auch nur einmischen, wenn ich darum gebeten werde oder wenn eine Situation eskaliert.

Kinder brauchen MitgefĂŒhl

Sollte uns jemand mal die Frage stellen, wie unsere erwachsenen Kinder spĂ€ter mit uns umgehen sollen, werden wir uns vermutlich wĂŒnschen, dass sie sich tolerant gegenĂŒber unseren Macken erweisen, mit EinfĂŒhlungsvermögen Themen angehen, die allen nicht so angenehm sind, und unserem Alt- und vielleicht Komischwerden grundsĂ€tzlich mit Empathie begegnen. Zugegeben, dieses Szenario liegt noch in weiter Ferne, aber diese Erwachsenen der Zukunft werden hier und jetzt unter anderem davon geprĂ€gt, wie wir mit ihnen umgehen. Empathie und ein gutes GefĂŒhl fĂŒr sich selbst (und deshalb auch fĂŒr andere!) können Kinder entwickeln, wenn sie sich von klein auf als kompetent und selbstwirksam erleben. Wenn ihnen zugetraut wird, dass sie wissen, was gut fĂŒr sie ist. Statt sich also mit dem SpĂ€taufsteherkind jeden Morgen um die wichtigste Mahlzeit des Tages zu zoffen, wird stattdessen ein ordentlicher Pausensnack in den Tornister gepackt.

Woher komme ich 
?

Oft ist uns Eltern gar nicht bewusst, warum wir bei bestimmten Themen so empfindlich reagieren. Warum es uns etwa dermaßen gegen den Strich geht, wenn das Kind weder mit guten Worten noch mit bunten FrĂŒhstĂŒcksflocken dazu zu bringen ist, vor der Schule wenigstens einen kleinen Happs zu essen. Vielleicht wissen wir, dass wir selbst ohne unseren Morgenkaffee unausstehlich sind. Oder wir haben als Kinder gelernt, dass „man“ fĂŒr einen guten Start nun mal ein FrĂŒhstĂŒck braucht. Es gibt verschiedene GrĂŒnde, warum es uns in bestimmten Bereichen besonders trifft, dass unser Kind ganz andere BedĂŒrfnisse hat als wir. Uns dieser GrĂŒnde bewusst zu werden, kann dabei helfen, unserem Kind den nötigen Freiraum zu lassen, um sich auszuprobieren. Und ihm zu vertrauen, dass es oft sehr gut selbst weiß, was es braucht. Kein FrĂŒhstĂŒck, zum Beispiel.


 und muss ich immer mitgehen?

Wir alle haben aber Themen, bei denen es uns trotz aller Selbstreflexion nicht gelingt, ĂŒber unseren Schatten zu springen und unseren Kindern Dinge zuzutrauen, die uns selbst so gar nicht geheuer sind. Dann hilft eine uralte Kulturtechnik: wegschauen. So habe ich zum Beispiel schreckliche Höhenangst, und ich konnte nicht ertragen, meine Kinder auf hohen KlettergerĂŒsten herumturnen zu sehen – und meine Definition von „hoch“ beginnt ungefĂ€hr auf HĂŒfthöhe. Dass es nicht klug ist, seine Ängste an seine Kinder weiterzugeben, war mir klar. Dass Klettern geĂŒbt sein will, auch. AusflĂŒge in den Klettergarten ĂŒbernahm also mein Mann. Ich prĂ€zisiere hiermit also: wegschauen und outsourcen. Outsourcen muss ich nicht mehr, meine Kinder klettern inzwischen allein. Wegschauen praktiziere ich immer noch.

Juristisch betrachtet

Zum Schluss noch ein kleiner Ausflug ins Juristische: Kinder profitieren nicht nur davon, dass wir ihnen zutrauen, ihren eigenen Weg zu finden. Es ist sogar ihr gesetzlich verbrieftes Recht. Der Auszug aus den UN-Kinderrechten klingt zunĂ€chst nach trockenem Gesetzestext, bekommt beim Nachdenken ĂŒber Vertrauen und Machenlassen aber eine neue Relevanz fĂŒr uns: „Jedes Kind hat ein Recht auf Leben, Überleben und Entwicklung.“ Bitte nicht gleich abschalten nach Leben und Überleben – es geht auch um Entwicklung, also die Möglichkeit, zu jemandem zu werden, den es so noch nie gegeben hat, ein echtes Original. Außerdem: „Kinder haben das Recht, in allen Angelegenheiten, die sie betreffen, gehört zu werden.“ Klingt anstrengend, fĂŒhrt aber kein Weg daran vorbei. Denn, wie eingangs erwĂ€hnt: Unsere Kinder haben noch einiges vor sich und brauchen dafĂŒr Erfahrungen von Selbstwirksamkeit. Lassen wir sie also machen. Und lassen wir es, zu viel fĂŒr sie machen zu wollen. Die machen das schon!

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