In der Entwicklungspsychologie hat dieser Umbruch einen eigenen Namen: „Transition“. Gemeint ist damit ein Übergang, der nicht allein mit dem ersten Schultag beginnt und endet, sondern sich über mehrere Wochen, vielleicht sogar Monate erstreckt und dabei das gesamte Familiensystem erfasst. Aus jahrelanger Beobachtung solcher Übergänge haben die Forscher:innen Wilfried Griebel und Renate Niesel vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in Bayern ein Modell entwickelt, das erklärt, was in dieser Zeit eigentlich passiert. Demnach verändert der Schulwechsel ein Kind – egal ob es sechs oder zehn Jahre alt ist – auf gleich drei Ebenen.
Auf der ersten, individuellen Ebene muss das Kind starke und oft widersprüchliche Gefühle aushalten. Dabei entwickelt es nach und nach eine neue Identität: Aus dem Kita-Kind wird ein Schulkind, aus dem Grundschulkind ein:e Schüler:in der weiterführenden Schule. Vorfreude und Angst, Stolz und Heimweh können sich dabei von einem Moment zum nächsten abwechseln. Auf der zweiten, sozialen Ebene verändern sich Beziehungen. Vertraute Erzieher:innen oder Lehrkräfte fallen weg, neue Freundschaften und Bezugspersonen müssen erst noch gefunden werden. Und auf der dritten, strukturellen Ebene trifft die bisherige Lebenswelt des Kindes – mit ihren gewohnten Abläufen und Erwartungen – auf ein komplett neues, noch unbekanntes System, in das sich das Kind erst einfinden muss: neue Räume, neue Regeln, ein neuer Tagesrhythmus.
Kein Ereignis, sondern ein Prozess
Wie bereits geschrieben: Der Übergang zu einer neuen Schule ist kein einzelnes, abgeschlossenes Ereignis wie z. B. ein Geburtstag, sondern ein Prozess, der sowohl im Vorfeld als auch im Nachgang Begleitung bedarf. Schon Wochen oder Monate vor dem eigentlichen Wechsel spüren Kind und Eltern langsam, dass sich bald etwas verändern wird. Abgeschlossen ist der Übergang erst dann, wenn die neue Situation nicht mehr als „neu“, sondern als normaler Alltag empfunden wird. Einen festen Zeitplan dafür gibt es nicht – wie schon damals bei der Eingewöhnung in der Kita. Manche Kinder brauchen wenige Tage, andere mehrere Wochen, manche ein paar Monate, bis sie vollständig angekommen sind. Und im Grunde gilt damit auch hier dieselbe Grundhaltung wie schon damals in der Kita: kein Stress, kein Zeitdruck. Irgendwann kommen sie alle an. Konkret (und ein wenig zur Beruhigung) bedeutet es, dass ein Kind, welches auch in der zweiten Schulwoche morgens noch weint, nicht automatisch ein Problem mit der Umgewöhnung hat – es befindet sich nur noch mittendrin. Fachkräfte beobachten, dass sich die eigentliche Wende oft erst nach den ersten Ferien nach dem Schulwechsel zeigt, also nach den Herbstferien. Bis dahin hat ein Kind in der Regel genug wiederkehrende Tage erlebt, um ein verlässliches Gefühl für den neuen Alltag zu entwickeln. Erst von da an lässt sich auch besser einschätzen, ob es sich um eine gewöhnliche, vorübergehende Anpassungsphase handelt oder ob tatsächlich mehr Unterstützung nötig ist.
Die Wochen danach
Beide Übergänge sind gesellschaftlich stark aufgeladen – die Einschulung besonders, mit traditioneller Schultüte, Geschenken, Kuchen und Familienfeier. Sätze wie „Jetzt bist du groß“ oder „Jetzt geht der Ernst des Lebens los“ sind gut gemeint, können aber gleichzeitig bei einem Kind Druck aufbauen. Trotzdem ist der erste Tag für die meisten Kinder ein echter Höhepunkt: Man steht im Mittelpunkt, lernt die neuen Mitschüler:innen kennen und hat endlich das Gefühl, zu den „Großen“ zu gehören. Diese Ambivalenz aus Vorfreude und Verunsicherung gilt in der Entwicklungspsychologie als völliger Normalfall – nicht als Warnsignal.
Entscheidender als der eigentliche Tag selbst sind ohnehin die Wochen danach, denn erst dann beginnt die neue Lebensphase samt intensiver Anpassung: Kinder müssen lernen, sich in einer oft größeren, neu zusammengesetzten Gruppe zurecht finden, mit weniger individueller Aufmerksamkeit umzugehen und neue Freundschaften zu schließen – teils ohne dabei auf ein vertrautes Gesicht zurückgreifen zu können. Das kostet Energie, auch wenn davon nach außen zunächst wenig sichtbar ist. Viele Eltern berichten, dass ihre Kinder in dieser Zeit zu Hause besonders anhänglich, quengelig oder erschöpft wirken. Das ist keine Überforderung, sondern die logische Folge eines Tages, an dem enorm viel Neues verarbeitet werden musste.
Wie unterschiedlich Kinder mit der neuen Situation umgehen, liegt der Forschung zufolge im normalen Entwicklungsspektrum, denn Tempo ist hier kein Gradmesser für Reife, sondern die Frage des individuellen Temperaments. Manche Kinder haben schob bei der Kita-Eingewöhnung gezeigt, dass sie sich generell etwas mehr Zeit für die Umgewöhnung benötigen. Auch die Erfahrungen der Geschwister können beeinflussen, wie der Schulwechsel erlebt und verarbeitet wird. Ein jüngeres Geschwisterkind, das die Einschulung der großen Schwester oder des großen Bruders schon aus der Nähe miterlebt hat, geht mitunter deutlich entspannter in die eigene Einschulung, weil vieles bereits vertraut wirkt. Genauso gut kann es aber sein, dass sich ein Kind gerade dadurch unter Druck setzt, weil es glaubt, alles genauso schnell schaffen zu müssen wie das Geschwisterkind.
Gibt es Vorbereitung?
Als Eltern fragt man sich vor der Einschulung, wie gut das Kind vorbereitet sein sollte. Sollte es schon Buchstaben schreiben können? Alle Zahlen kennen? Die Transitionsforschung zeigt hier klar, dass soziale und emotionale Basiskompetenzen für das Gelingen des Übergangs deutlich wichtiger sind als fachliches Vorwissen – und das gilt für den Start in die Grundschule ebenso wie für den Wechsel auf die weiterführende Schule. Wie geht das Kind mit Frustration um, wenn etwas nicht auf Anhieb gelingt? Kann es Kontakt zu anderen Kindern aufnehmen und es auch aushalten, wenn es etwas länger dauert, bis eine Freundschaft entsteht? Kann es kleinere Aufgaben eigenständig erledigen und aktiv um Hilfe bitten, wenn es welche benötigt? Und hat es, bei aller Aufregung rund um die neue Situation, ein grundlegendes Gefühl von innerer Sicherheit?
Beim Wechsel auf die weiterführende Schule kommt eine Besonderheit hinzu: Wo bei der Einschulung noch relativ offensichtlich ist, welche Neuerungen auf ein Kind zukommen, lässt sich das nach vier Jahren Schulerfahrung nicht immer auf den ersten Blick erkennen. Was also können Eltern mitnehmen, die sich fragen, ob ihr Kind bereit für den nächsten Schritt ist? Ein Kind muss nicht perfekt vorbereitet sein. Es muss vor allem wissen, dass es mit seinen Unsicherheiten nicht allein ist.
Und allein ist es damit auch tatsächlich nicht. Wer die Eingewöhnung in der Kita oder bereits die Grundschulzeit miterlebt hat, weiß das eigentlich schon aus eigener Erfahrung. Auch Eltern durchlaufen eine eigene kleine Transition. Man gibt ein Stück Nähe und Kontrolle ab, übernimmt mit dem Wechsel in Kita, Grundschule oder weiterführende Schule jeweils neue Aufgaben innerhalb der Familie und muss sich in neuen Bring- und Abholsituationen, Elternabenden und veränderten Erwartungen zurechtfinden. Wie gelassen oder angespannt Eltern selbst durch diese Zeit gehen, wirkt sich der Forschung zufolge spürbar auf das Kind aus. Kinder registrieren sehr genau, ob die eigenen Eltern innerlich ruhig sind oder selbst mit dem Übergang ringen.
Was das mit Bindung zu tun hat
Die Bindungsforschung beschäftigt sich damit, wie Kinder emotional sichere Beziehungen zu ihren wichtigsten Bezugspersonen aufbauen und diese Sicherheit nutzen, um sich unbekannte Situationen zuzutrauen. Vereinfacht gesagt heißt das, ein Kind erkundet die Welt umso mutiger, je sicherer es sich seiner Rückbindung an vertraute Erwachsene ist. Ein emotionaler Ankerpunkt, von dem aus sich ein Kind in Neues hinauswagen kann, um bei Bedarf wieder dorthin zurückzukehren.
Beim Schulwechsel wiederholt sich dieses Muster, welches sich schon während der Kita-Eingewöhnung gezeigt hat – nur dass die neue sichere Basis diesmal aus mehreren Bausteinen gleichzeitig besteht: den eigenen Eltern, die im Hintergrund verlässlich bleiben, und im besten Fall auch neuen Bezugspersonen in der Schule, zu denen ein Kind nach und nach Vertrauen aufbaut. Solange mindestens ein Teil dieser Basis stabil bleibt, können Kinder erstaunlich viel Neues gleichzeitig bewältigen.
Mit zunehmendem Alter verändert sich allerdings, wer oder was als sichere Basis dient. Während bei jüngeren Kindern vor allem Erwachsene diese Rolle übernehmen, rücken bei älteren Kindern zusätzlich Gleichaltrige in den Vordergrund. Beim Wechsel auf die weiterführende Schule kann daher auch der Kontakt zu alten Freundschaften aus der Grundschulzeit, selbst wenn man nun auf unterschiedliche Schulen geht, eine wichtige stabilisierende Funktion übernehmen. Ein Treffen am Wochenende oder gemeinsame Freizeitaktivitäten wiegen in dieser Phase oft mehr, als es von außen den Anschein hat.
Der erste Schultag (nochmal)
Zur Einschulung ist es vor allem die Schule als Institution, die ein Kind fordert: erstmals feste Stundenpläne, Hausaufgaben, eine Autoritätsperson, die nicht mehr „Erzieher:in“, sondern „Lehrer:in“ heißt. Der gesamte Rahmen ist neu, nicht nur die Gruppe der Mitschüler:innen. Genau deshalb beginnen die Vorbereitungen darauf in NRW möglichst früh: Kitas, Grundschule und Elternhaus sollen im besten Fall eng zusammenarbeiten, damit Kinder an ihren bisherigen Bildungsverlauf anknüpfen können, statt bei null anzufangen. Grundlage dafür sind die sogenannten Bildungsgrundsätze für Kinder von 0 bis 10 des Landes NRW, ein gemeinsames pädagogisches Verständnis von Kita und Grundschule, das ein Kind als aktive:n Gestalter:in der eigenen Entwicklung begreift und die Individualität in den Mittelpunkt stellt.
Die zukünftigen i-Dötzchen besuchen gemeinsam mit ihren Erzieher:innen eine Grundschule, nehmen probeweise am Unterricht teil, lernen das Schulgebäude kennen und spielen mit den älteren Schulkindern auf dem Pausenhof. In inhaltsbezogenen gemeinsamen Projekten werden zudem erste Basiskompetenzen gestärkt, etwa im sprachlichen, mathematischen oder naturwissenschaftlichen Bereich. All das soll die neue Lernumgebung vertrauter machen, bevor der eigentliche erste Schultag überhaupt stattfindet, und einem Kind so einen Teil der Unsicherheit vor der neuen Situation nehmen. Wie intensiv das im Einzelfall gelebt wird, hängt davon ab, wie eng die jeweilige Kita und Grundschule vor Ort bereits zusammenarbeiten.
Der Wechsel auf die weiterführende Schule fällt meist in den Beginn der Vorpubertät, in der sich Kinder ohnehin körperlich und sozial neu positionieren. Aus einer überschaubaren, jahrelang vertrauten Klassengemeinschaft wird plötzlich eine große, unübersichtliche Schule mit wechselnden Lehrkräften pro Fach und deutlich mehr Eigenverantwortung: Hausaufgaben organisieren, Material selbst einpacken, sich in einem fremden Gebäude zurechtfinden. Gleichzeitig steigt der wahrgenommene Leistungsdruck, weil Noten jetzt sichtbarer über den weiteren Bildungsweg zu entscheiden scheinen. Hinzu kommt die sogenannte Erprobungsstufe: In NRW umfasst sie die ersten beiden Jahre an der weiterführenden Schule, in denen noch beobachtet und beraten wird, ob die gewählte Schulform tatsächlich zum Kind passt – ein zusätzlicher Prüfstein, der Kindern durchaus bewusst ist und den manche als Druck, andere hingegen als beruhigenden Sicherheitsmechanismus erleben. Das Deutsche Jugendinstitut weist zudem auf eine Kommunikationslücke hin, die an vielen weiterführenden Schulen entsteht: Eltern und neue Lehrkräfte kennen sich noch nicht, Informationen gehen leichter verloren als in der überschaubaren Grundschulzeit.