Zwar kann er kurzfristig hilfreich sein, doch anhaltender Stress gefährdet die körperliche und seelische Gesundheit. Doch woran erkennen Eltern, dass ihr Kind gestresst ist? Welche Faktoren spielen eine Rolle – und was hilft wirklich im Familienalltag? Dr. med. Sung Han, Spiegel-Bestseller Autor und Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie aus Düsseldorf, weiß um die Ursprünge von Stress bei Kindern sowie bei Eltern.
Stress hat viele Gesichter
Laut der repräsentativen Forsa-Eltern-Umfrage „Eltern im Fokus“ der Körber-Stiftung 2025 erleben 79 Prozent der Eltern ihren Alltag als belastend, und über 70 Prozent berichten, dass ihre Kinder ebenfalls unter Stress stehen, wenn sie selbst stark belastet sind. „Während Eltern von Babys oder jungen Kindern oft durch körperlichen Stress, wie Schlafmangel oder ständige Wachsamkeit, geprägt sind, verschiebt sich dieser mit zunehmendem Alter der Kinder eher auf die emotionale Ebene. Das kleine Kind entwickelt sich zur eigenständigen Persönlichkeit, Autonomie und Abgrenzung rücken weiter in den Vordergrund“, so Han. „Eltern sind heute mit einer Vielzahl von Rollen konfrontiert. Sie leben nicht nur für sich selbst, sondern tragen Verantwortung für ihre Kinder. Das bedeutet: wenig Zeit für sich selbst. Sie sollen in der Familie als Mama oder Papa funktionieren, übernehmen zahlreiche organisatorische Aufgaben rund um Schule, Freizeitaktivitäten und Haushalt und gleichzeitig auch die Rolle der Geldverdienerin oder des Geldverdieners.“ Erschöpfung und Schlafmangel sowie ein „Mental Load“, gerade bei Müttern, sind daher keine Seltenheit.
Wie erkenne ich, ob mein Kind unter Stress leidet?
Je nach Charakter und Alter des Kindes können sich unterschiedliche Symptome zeigen. Ab und zu mal Bauchschmerzen lassen noch nicht auf eine Stressbelastung schließen. Tauchen diese aber regelmäßig und über einen längeren Zeitraum hinweg auf – das gilt übrigens auch für viele andere Hinweise –, sollten Eltern dem besondere Aufmerksamkeit schenken. Schlafmangel, Rückzug, körperliche Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen, aber auch Impulsivität, Wutanfälle oder Ängste können Warnsignale darstellen.
Eltern sind immer Vorbilder
Kinder lernen von ihren Eltern, ob wir es wollen oder nicht. Gerade jüngere Kinder haben oft feine Antennen, mit denen sie Stimmungsschwankungen wahrnehmen, und diese wirken sich unbewusst auf die Kinder aus. In einer aktuellen Online-Befragung der Super-Chill-Stiftung berichten 84 Prozent der untersuchten Eltern, dass ihre eigene Anspannung direkte Auswirkungen auf ihre Kinder hat – etwa durch erhöhte Reizbarkeit, Überstimulation oder Schwierigkeiten beim Abschalten. Hinzu kommen ungelöste Themen aus unserer eigenen Kindheit, die wir unbewusst in uns tragen, die jedoch unseren Alltag, unsere Resilienz und unseren Umgang mit unseren Kindern bestimmen. „Leistungs- und Perfektionsansprüche, Ängste, der Wunsch nach Anerkennung oder Liebe durch Leistung – und oft auch die Unfähigkeit, gut für sich selbst zu sorgen, können zu Mustern führen, die wir auf unsere Kinder übertragen. Am Ende können wir unseren Kindern nur das weitergeben, was wir selbst geklärt und verarbeitet haben“, so Han.