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Trauer: Phasen, Wellen, Pendel

Obwohl Trauer etwas zutiefst Individuelles ist, gibt es verschiedene Theorien dazu, weshalb sich manche:r fragt: Ist es normal, was ich da fühle?

Brandung in der Dämmerung

Aus der Redaktion

01.10.2026

Lesezeit 3 Minuten

Wenn ein Mensch aus eurem Umfeld stirbt, stirbt auch die Rolle, die ihr bisher in Bezug auf diese Person innehattet. Allein das tut weh – und dabei haben wir noch gar nicht darüber gesprochen, wie sehr die Leerstelle schmerzt, die der Mensch hinterlässt. Oder die Tatsache, dass das Leben für alle anderen ganz normal weitergeht und kaum jemand erfassen kann, wie es im Moment in euch aussieht. Es hilft auch nicht im Geringsten, wenn Menschen in eurem Umfeld eine Theorie dazu haben, wie Trauer abzulaufen hat – oder sich vor lauter Scheu vor dem Thema oder auch aus Hilflosigkeit rarmachen. Man weiß heute, dass Trauer etwas sehr Reales ist – nicht „nur“ ein Gefühl, sondern auch eine körperliche Erfahrung, die auf die vermehrte und länger andauernde Ausschüttung von Stresshormonen (Cortisol und Adrenalin) zurückzuführen ist. Deshalb helfen euch in dieser Situation die gleichen banalen Dinge, die als Abhilfe gegen Stress bekannt sind: Versucht, genug zu schlafen, euch regelmäßig zu bewegen und zu essen, und seid offen für Angebote, die euch sonst noch guttun könnten.

Trauerarbeit und die fünf Phasen

Diese beiden Konzepte sind längst überholt, spuken aber immer noch in den Köpfen herum. Der Begriff „Trauerarbeit“ stammt von Freud, und meist meinen Menschen damit, dass man sich seiner Trauer „stellen“ sollte, um sie irgendwann zu „überwinden“ und sich von der verlorenen Person zu „lösen“. Dabei ist Trauer nichts, das man „bearbeiten“ kann. Die fünf Phasen der Trauer – Nicht-wahrhaben-Wollen, Wut, Feilschen, Depression und Akzeptanz – gehen auf Elisabeth Kübler-Ross und ihre Beschäftigung mit Sterbenden zurück.

Duales Prozessmodell, Continuing Bonds

Inzwischen sieht man Trauer als komplexen, individuellen Prozess. Das Duale Prozessmodell beschreibt ein Schwingen zwischen zwei Polen, mit verlustorientierten und wiederherstellungsorientierten Bewältigungsstrategien. Ihr bewegt euch also einerseits zwischen eurem Verlust und den Gefühlen, die damit einhergehen, und ganz praktischen Aufgaben, die gerade anstehen oder mit denen ihr euch ein neues Leben aufbaut. Der Continuing-Bonds-Ansatz ist das genaue Gegenteil zu Freuds Trauerarbeit. Verstorbene nicht loszulassen, sondern die innere Verbindung zu ihnen zu erhalten und auch zuzulassen, dass sich diese Verbindung wandelt und zu etwas Neuem wird, kann eine heilsame Strategie sein. Kann, muss aber nicht, denn die wichtigste Erkenntnis ist: Trauer ist so individuell wie die Menschen und ihre Beziehungen zueinander, daran ändert auch der Tod nichts.

Wie lange dauert das noch?

Sogar in den Diagnosekriterien für eine prolongierte Trauerreaktion, also für Trauer, die länger als „normal“ andauert, ist man sich nicht einig: Das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen (5. Auflage, DSM-5) geht davon aus, dass ab einem Jahr starker Trauer therapeutische Hilfe angezeigt ist, während das ICD-11 (11. Fassung der Internationalen Statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) nach sechs Monaten die Grenze zieht. Etwa 60 Prozent der Menschen bewältigen ihren Verlust ohne professionelle Hilfe. 30 Prozent kommen nur sehr schwer über ihre Trauer hinweg, und etwa 10 Prozent brauchen therapeutische Hilfe, weil sich über eine „sehr lange Zeit“ (siehe oben) überhaupt keine Besserung einstellt. So oder so: Trauer braucht Zeit. Stellt euch vor, wie es euch mit einer schweren körperlichen Wunde ginge: Die heilt auch nicht jeden Tag ein bisschen mehr, sondern erst tut es sehr weh, irgendwann nicht mehr so, und wenn ihr viel später an den noch empfindlichen Bereich stoßt, wird es wieder kurzzeitig schlimmer.

Ist das normal?

Wut, Angst, Verzweiflung, Scham, Gleichgültigkeit, Erleichterung: All diese (und weitere!) Gefühle können auftreten und haben ihre Berechtigung bzw. ihre Funktion, die manchmal erst über Ecken Sinn ergibt. Wer zum Beispiel Schuldgefühle entwickelt, versucht auf diese Weise vielleicht, in einer Situation der Ohnmacht so etwas wie Kontrolle zu gewinnen. Wenn ich mir sage, dass ich etwas tun hätte können (und nicht getan habe, daher die Schuldgefühle), dann erlebe ich mich zumindest im Nachhinein nicht als machtlos. Auch wenn ich dafür mit Schuldgefühlen „bezahle“. Ihr könnt gegen eure Gefühle nichts tun, sie sind, wie sie sind, und sie haben alle ihre Berechtigung. Wenn ihr euch davon überfordert fühlt, holt euch Hilfe – oder sprecht diese Möglichkeit an, wenn es nicht um euch selbst geht. Trauergruppen sind eine erste Anlaufstelle, je spezifischer, desto besser – also zum Beispiel Trauergruppen für Sternenkinder, Suizidfälle, junge Erwachsene … Vielleicht fragt ihr euch sogar, ob euer Verlust zu einer Depression geführt hat. Tatsächlich sind die Symptome ähnlich, in einer Depression kommt jedoch dieses oben beschriebene Pendeln zwischen Verlust und Wiederherstellung viel weniger stark vor. Antidepressiva können Symptome mildern, zum Beispiel für etwas mehr Antrieb sorgen, lassen aber nicht die Trauer selbst verschwinden – denn sie ist real, kein Symptom, zieht sich irgendwann von selbst zurück und wird Teil von euch.

Text: Pia Arras-Pretzler

Über die Autorin

Pia Arras-Pretzler ist Lektorin und Libelle-Autorin. Vor einigen Jahren hat sie beschlossen, ihre Angst vor dem Thema Tod und Sterben an den Hörnern zu packen, und nahm an einem Befähigungskurs der Ökumenischen Hospizbewegung Düsseldorf Süd teil, in dem sie zur Sterbebegleiterin ausgebildet wurde. Sie durfte inzwischen mehrere Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten, ist aber nach wie vor aufgeregt, wenn sie jemanden zum ersten Mal besucht. In ihrem persönlichem Umfeld hingegen fühlt sich Pia inzwischen wesentlich sicherer, mit der Trauer anderer umzugehen.

Das Trauer-Kaleidoskop

Die Trauerbegleiterin Chris Paul vergleicht die verschiedenen Facetten von Trauer mit einem Kaleidoskop: Der Gesamteindruck verändert sich ständig, je nachdem, welche Farbe gerade im Vordergrund steht. Den sechs Facetten von Trauer hat sie jeweils eine Farbe zugeordnet. So integriert Paul die wesentlichen Theorieansätze zum Thema Trauer in ein stimmiges Bild, in dem der Trauerweg nicht als einzelne Stationen dargestellt wird, sondern als sich ständig veränderndes Erleben, in dem sich Gefühle immer wieder neu mischen (siehe dazu auch S. 44).

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