Während wir selbst Abschied von einem Menschen nehmen müssen, der zu unserer eigenen Geschichte gehört, begleiten wir gleichzeitig unsere Kinder durch ihre Trauer um Oma oder Opa. Plötzlich sind wir beides: trauerndes Kind und tröstendes Elternteil. Dieser Spagat wird häufig unterschätzt. Denn natürlich möchten wir für unsere Kinder da sein. Wir beantworten Fragen, erklären, was passiert ist, halten Gefühle aus und versuchen, Sicherheit zu geben. Gleichzeitig sind da unsere eigenen Gefühle. Vielleicht tiefe Traurigkeit, vielleicht Überforderung, Wut oder sogar Erleichterung nach einer langen Krankheit. Und manchmal der Wunsch, einfach für einen Moment nicht verantwortlich sein zu müssen. Als Trauerbegleiterinnen und Bestattermeisterinnen erleben wir Familien genau in diesen Situationen. Und etwas möchten wir Eltern besonders mitgeben: Ihr müsst eure eigene Trauer nicht zurückstellen, um euer Kind gut durch seine Trauer zu begleiten. Im Gegenteil. Kinder dürfen erleben, dass Erwachsene traurig sind, weinen und jemanden vermissen. Sie lernen dadurch, dass Trauer zum Leben gehört und Gefühle ausgelebt werden dürfen. Trotzdem braucht es Momente, in denen ihr nicht gleichzeitig eure eigene Trauer tragen und euer Kind auffangen müsst.
Trauer in der Forschung
Das ist sogar wissenschaftlich belegt. Das Duale Prozessmodell ist ein anerkanntes Modell in der aktuellen Trauerforschung und beschreibt den Trauerprozess als zwei gleichwertige Teile, denen man sich aber nie gleichzeitig widmen kann. Nach Margaret Stroebe und Henk Schut geraten betroffene Personen bei einem Verlust in eine Stress- und Krisensituation. Mit dem Verlust fallen für sie auch Grundlagen ihrer täglichen Lebensbewältigung weg, wie emotionale oder finanzielle Sicherheiten oder soziale Gemeinschaft. Die Trauerbewältigung ist als dynamischer Prozess damit in zwei Kategorien aufgeteilt. Auf der verlustorientierten Seite steht die Konfrontation mit der Trauer, den einhergehenden Erinnerungen und dem Schmerz. Auf der wiederherstellungsorientierten Seite befassen sich Trauernde zum Beispiel mit den aufgetretenen finanziellen Problemen oder Einsamkeit. Damit ist es durchaus gesund, sich Pausen von der Trauer zu nehmen und kein Zeichen von Verdrängung. Was bedeutet das übersetzt für Eltern? Mitten in der Trauerphase lachend durch die Wohnung zu tanzen, setzt vor den Kindern kein falsches Signal, Trauer eventuell zu unterdrücken. Vielmehr lehnt es an den eigenen Trauerprozess der Kinder an, die entgegen unseren gesellschaftlichen Vorstellungen nicht in einen Dauerzustand der Traurigkeit verfallen, sondern „pfützenweise“ trauern und im nächsten Moment wieder schaukeln gehen. Wie bei fast allem im Leben kommt es auch hier auf das Gleichgewicht an. Mitunter kann das aber auch bedeuten, dass die Trauerphasen innerhalb der Familie nicht parallel verlaufen, sondern sich abwechseln. Wenn man selbst gerade besonders verletzlich ist, ist es nur schwer aushaltbar, wenn sich die anderen Familienmitglieder scheinbar fröhlich beim Abendessen gegenübersitzen. Das Amt für Soziales und Jugend bietet hierzu Beratungsangebote innerhalb der Erziehungs- und Familienberatungsstellen in Düsseldorf an. Hier finden Familien Unterstützung in ihrem Trauerprozess, Stabilisierung der Beziehungen in den Familien sowie seelische Entlastung der Eltern. Das Bild der Sauerstoffmaske, die man zuerst aufsetzen muss, bevor man anderen helfen kann, ist bekannt – und akkurat. Die Dualität der verlustorientierten und wiederherstellungsorientierten Trauerbewältigung zeigt sich besonders in der frühen Phase häufig an bestimmten Stationen des Trauerweges und deshalb ist es gut, sich gerade rund um die Abschiednahme und die Trauerfeier vorher zu überlegen: Was brauche ich – und was braucht mein Kind?
Tipps für die Abschiednahme
Es gibt darauf keine allgemeingültige Antwort. Manche Kinder möchten unbedingt dabei sein, andere nicht. Manche beschäftigen sich fünf Minuten mit dem verstorbenen Opa und wollen danach wieder spielen. Auch das ist Trauer. Kinder trauern anders als Erwachsene, häufig sprunghafter und in kürzeren Sequenzen. Eine große Hilfe kann eine vertraute Bezugsperson sein, die euer Kind zur Abschiednahme oder zur Trauerfeier begleitet. Das kann die Patentante, ein guter Freund oder eine andere Person sein, bei der sich euer Kind sicher fühlt. So wisst ihr: Jemand hat mein Kind im Blick, geht mit ihm nach draußen, wenn es genug hat, beantwortet eine Frage oder spielt eine Runde – und ihr könnt für diesen Moment einfach Tochter oder Sohn sein. Ihr könnt weinen, zuhören, Abschied nehmen und müsst nicht gleichzeitig überlegen, ob euer Kind gerade etwas braucht. Auch muss nicht jede Form des Abschieds gemeinsam stattfinden. Vielleicht möchtet ihr euer Kind bei einer persönlichen Abschiednahme am offenen oder geschlossenen Sarg oder an der Urne dabeihaben, weil dort Ruhe ist und Fragen in einem geschützten Rahmen beantwortet werden können. Bei einer größeren Trauerfeier möchtet ihr euch dagegen ganz auf euren eigenen Abschied konzentrieren. Oder ihr verabschiedet euch einmal gemeinsam mit eurem Kind und danach noch einmal alleine. Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Entscheidend ist, einen Weg zu finden, der zu euch als Familie passt, und dass euer Kind die Möglichkeit des Abschieds bekommt. Das gilt auch für das Beratungsgespräch im Bestattungshaus. Gerade in den ersten Tagen müssen viele Entscheidungen getroffen werden, während der eigene Kopf eigentlich mit ganz anderen Dingen beschäftigt ist. Überlegt deshalb für euch, ob euer Kind bei diesem Gespräch wirklich die ganze Zeit dabei sein muss. Vielleicht ist es hilfreicher, zunächst ohne Kind die grundlegenden Entscheidungen zu besprechen und anschließend gemeinsam mit dem Berater oder der Beraterin zu überlegen, an welchen Stellen euer Kind eingebunden werden kann. Welche Blumen hätte Oma gemocht? Möchte das Kind ein Bild malen und mit in den Sarg legen? Soll es eine Kerze aussuchen, etwas für die Trauerfeier gestalten oder ein Lied auswählen? So bekommen Kinder eine aktive Rolle, ohne dass ihr während eines ohnehin emotionalen Gesprächs gleichzeitig für deren Betreuung verantwortlich seid.