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Zwischen Trauern und Trösten

Wenn wir selbst Kinder haben, nehmen wir im Familienleben oft eine neue Rolle ein: Wir sind diejenigen, die trösten, erklären, Sicherheit geben und unsere Kinder durch schwierige Momente begleiten. Wenn dann die eigene Mutter oder der eigene Vater stirbt, treffen plötzlich zwei Rollen aufeinander.

Mutter sitzt mit Baby auf dem Bett und guckt sich ein Buch an

Aus der Redaktion

01.10.2026

Lesezeit 6 Minuten

Während wir selbst Abschied von einem Menschen nehmen müssen, der zu unserer eigenen Geschichte gehört, begleiten wir gleichzeitig unsere Kinder durch ihre Trauer um Oma oder Opa. Plötzlich sind wir beides: trauerndes Kind und tröstendes Elternteil. Dieser Spagat wird häufig unterschätzt. Denn natürlich möchten wir für unsere Kinder da sein. Wir beantworten Fragen, erklären, was passiert ist, halten Gefühle aus und versuchen, Sicherheit zu geben. Gleichzeitig sind da unsere eigenen Gefühle. Vielleicht tiefe Traurigkeit, vielleicht Überforderung, Wut oder sogar Erleichterung nach einer langen Krankheit. Und manchmal der Wunsch, einfach für einen Moment nicht verantwortlich sein zu müssen. Als Trauerbegleiterinnen und Bestattermeisterinnen erleben wir Familien genau in diesen Situationen. Und etwas möchten wir Eltern besonders mitgeben: Ihr müsst eure eigene Trauer nicht zurückstellen, um euer Kind gut durch seine Trauer zu begleiten. Im Gegenteil. Kinder dürfen erleben, dass Erwachsene traurig sind, weinen und jemanden vermissen. Sie lernen dadurch, dass Trauer zum Leben gehört und Gefühle ausgelebt werden dürfen. Trotzdem braucht es Momente, in denen ihr nicht gleichzeitig eure eigene Trauer tragen und euer Kind auffangen müsst.

Trauer in der Forschung

Das ist sogar wissenschaftlich belegt. Das Duale Prozessmodell ist ein anerkanntes Modell in der aktuellen Trauerforschung und beschreibt den Trauerprozess als zwei  gleichwertige Teile, denen man sich aber nie gleichzeitig widmen kann. Nach Margaret Stroebe und Henk Schut geraten betroffene Personen bei einem Verlust in eine Stress- und Krisensituation. Mit dem Verlust fallen für sie auch Grundlagen ihrer täglichen Lebensbewältigung weg, wie emotionale oder finanzielle Sicherheiten oder soziale Gemeinschaft. Die Trauerbewältigung ist als dynamischer Prozess damit in zwei Kategorien aufgeteilt. Auf der verlustorientierten Seite steht die Konfrontation mit der Trauer, den einhergehenden Erinnerungen und dem Schmerz. Auf der wiederherstellungsorientierten Seite befassen sich Trauernde zum Beispiel mit den aufgetretenen finanziellen Problemen oder Einsamkeit. Damit ist es durchaus gesund, sich Pausen von der Trauer zu nehmen und kein Zeichen von Verdrängung. Was bedeutet das übersetzt für Eltern? Mitten in der Trauerphase lachend durch die Wohnung zu tanzen, setzt vor den Kindern kein falsches Signal, Trauer eventuell zu unterdrücken. Vielmehr lehnt es an den eigenen Trauerprozess der Kinder an, die entgegen unseren gesellschaftlichen Vorstellungen nicht in einen Dauerzustand der Traurigkeit verfallen, sondern „pfützenweise“ trauern und im nächsten Moment wieder schaukeln gehen. Wie bei fast allem im Leben kommt es auch hier auf das Gleichgewicht an. Mitunter kann das aber auch bedeuten, dass die Trauerphasen innerhalb der Familie nicht parallel verlaufen, sondern sich abwechseln. Wenn man selbst gerade besonders verletzlich ist, ist es nur schwer aushaltbar, wenn sich die anderen Familienmitglieder scheinbar fröhlich beim Abendessen gegenübersitzen. Das Amt für Soziales und Jugend bietet hierzu Beratungsangebote innerhalb der Erziehungs- und Familienberatungsstellen in Düsseldorf an. Hier finden Familien Unterstützung in ihrem Trauerprozess, Stabilisierung der Beziehungen in den Familien sowie seelische Entlastung der Eltern. Das Bild der Sauerstoffmaske, die man zuerst aufsetzen muss, bevor man anderen helfen kann, ist bekannt – und akkurat.  Die Dualität der verlustorientierten und wiederherstellungsorientierten Trauerbewältigung zeigt sich besonders in der frühen Phase häufig an bestimmten Stationen des Trauerweges und deshalb ist es gut, sich gerade rund um die Abschiednahme und die Trauerfeier vorher zu überlegen: Was brauche ich – und was braucht mein Kind?

Tipps für die Abschiednahme

Es gibt darauf keine allgemeingültige Antwort. Manche Kinder möchten unbedingt dabei sein, andere nicht. Manche beschäftigen sich fünf Minuten mit dem verstorbenen Opa und wollen danach wieder spielen. Auch das ist Trauer. Kinder trauern anders als Erwachsene, häufig sprunghafter und in kürzeren Sequenzen. Eine große Hilfe kann eine vertraute Bezugsperson sein, die euer Kind zur Abschiednahme oder zur Trauerfeier begleitet. Das kann die Patentante, ein guter Freund oder eine andere Person sein, bei der sich euer Kind sicher fühlt. So wisst ihr: Jemand hat mein Kind im Blick, geht mit ihm nach draußen, wenn es genug hat, beantwortet eine Frage oder spielt eine Runde – und ihr könnt für diesen Moment einfach Tochter oder Sohn sein. Ihr könnt weinen, zuhören, Abschied nehmen und müsst nicht gleichzeitig überlegen, ob euer Kind gerade etwas braucht. Auch muss nicht jede Form des Abschieds gemeinsam stattfinden. Vielleicht möchtet ihr euer Kind bei einer persönlichen Abschiednahme am offenen oder geschlossenen Sarg oder an der Urne dabeihaben, weil dort Ruhe ist und Fragen in einem geschützten Rahmen beantwortet werden können. Bei einer größeren Trauerfeier möchtet ihr euch dagegen ganz auf euren eigenen Abschied konzentrieren. Oder ihr verabschiedet euch einmal gemeinsam mit eurem Kind und danach noch einmal alleine. Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Entscheidend ist, einen Weg zu finden, der zu euch als Familie passt, und dass euer Kind die Möglichkeit des Abschieds bekommt. Das gilt auch für das Beratungsgespräch im Bestattungshaus. Gerade in den ersten Tagen müssen viele Entscheidungen getroffen werden, während der eigene Kopf eigentlich mit ganz anderen Dingen beschäftigt ist. Überlegt deshalb für euch, ob euer Kind bei diesem Gespräch wirklich die ganze Zeit dabei sein muss. Vielleicht ist es hilfreicher, zunächst ohne Kind die grundlegenden Entscheidungen zu besprechen und anschließend gemeinsam mit dem Berater oder der Beraterin zu überlegen, an welchen Stellen euer Kind eingebunden werden kann. Welche Blumen hätte Oma gemocht? Möchte das Kind ein Bild malen und mit in den Sarg legen? Soll es eine Kerze aussuchen, etwas für die Trauerfeier gestalten oder ein Lied auswählen? So bekommen Kinder eine aktive Rolle, ohne dass ihr während eines ohnehin emotionalen Gesprächs gleichzeitig für deren Betreuung verantwortlich seid.

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Gefühle zeigen

Ein Impuls, den viele Eltern haben, ist, sein Kind nicht mit den eigenen Gefühlen belasten zu wollen. Kinder sollen vermittelt bekommen, ihre Eltern seien stark, daher wird gerne vermieden, vor den Kindern zu weinen. Ob das in der Realität immer umsetzbar ist, ist allerdings fraglich. Tatsächlich entlastet hier aber eine Studie sorgenvolle Eltern: Wissenschaftler:innen der Washington State University in Vancouver fanden heraus, dass der offene Umgang mit negativen Emotionen gesünder ist, statt sie zu verbergen. Dazu wurden 109 Mütter und Väter mit ihren Kindern dazu aufgefordert, gemeinsam ein Lego-Set zusammenzubauen. Die Kinder durften nur die Anweisungen vorlesen, die Eltern mussten entsprechend bauen. Zuvor mussten die Eltern eine stressintensive Aufgabe erfüllen und wurden im Anschluss, vor dem Legobauen mit ihren Kindern, dazu angehalten, ihre Gefühle bestmöglich zu unterdrücken bzw. sich authentisch zu verhalten. In der wissenschaftlichen Auswertung kam heraus, dass diejenigen, die versuchten, ihre negativen Gefühle zu unterdrücken, nicht nur weniger hilfreich und kooperativ in der Aufgabenbewältigung waren, sondern ihre Kinder auch entsprechend beeinflussten. Kinder sind sehr gut in der Lage, Feinheiten in der Stimmung ihrer Eltern wahrzunehmen, und können die widersprüchlichen Signale nicht verarbeiten. Einbinden ist so nicht nur für das Kind die bessere Strategie, sondern auch für das eigene Nervensystem.

Unterstützung im Balanceakt

Sprecht das Thema Kinder im Bestattungshaus deshalb ruhig ganz konkret an. Erzählt, wie alt euer Kind ist, wie eng die Beziehung zu Oma oder Opa war und was es bereits über den Tod weiß. Fragt nach Möglichkeiten der Einbindung und nach Erfahrungen. Gute Trauerbegleitung sollte nicht nur den verstorbenen Menschen im Blick haben, sondern die ganze Familie – und damit auch die Kinder und ihre ganz eigene Art zu trauern. Und vielleicht ist genau das der wichtigste Gedanke: Es geht nicht darum, in dieser Situation alles richtig zu machen. Alles hat seine Berechtigung: eure Trauer und das Bedürfnis eurer Kinder nach Halt. Der Wunsch, eure Kinder miteinzubeziehen und das Gefühl, einen Moment für euch sein zu müssen oder Unterstützung zu brauchen. Denn wenn die eigene Mutter oder der eigene Vater stirbt, seid ihr nicht nur Mama oder Papa. Ihr seid ein Kind, das gerade einen Elternteil verloren hat. Und auch dieses Kind darf Raum bekommen. Auch dieses Kind möchte gesehen werden. Der Anspruch und die Anforderungen an Eltern heutzutage ist immens. Zwischen bindungsorientierter Erziehung und Grenzen setzen, ohne das Wort Nein zu verwenden, zuckerfreier Ernährung – 
aber bitte nicht übertreiben – und den richtigen Hobbys, die das Kind nicht überfordern, bleibt wenig Zeit zu trauern. Nur, dass man es sich eben nicht aussuchen kann. Gefühle zu begleiten, während die eigenen aus der Bahn geworfen wurden, scheint nahezu unmöglich. Aber auch das gehört zum ganzheitlichen Blick der Trauerbegleitung einer Familie. Was den Eltern ein Balanceakt der Bedürfnisse aller ist, kann Kindern eine Lernkurve sein. Wissenschaftler:innen in sozialen Forschungsfeldern belegen immer wieder, dass sich eine offene Kommunikation der eigenen Gefühle positiv auf die Entwicklung der Kinder auswirkt. Zwischen kommentarlosem Weinen und dafür den Raum zu verlassen liegt noch die dritte Option, bei der dem Kind in altersgerechten Worte erklärt wird, wieso man gerade traurig ist und deshalb weinen muss. Kinder gewinnen dabei nicht nur an sozialer Intelligenz – ein offener Austausch dieser Art fördert außerdem Sozialkompetenzen.

Entlastung für Eltern

Macht es die Situation ein wenig leichter, wenn die restliche Familie von dem Trauerfall nicht betroffen ist? Nein. Auch diese Realität soll dieser Artikel abbilden. Trauer ist für Eltern auch ein schwieriger Prozess, wenn sie ihre Kinder nicht gleichzeitig trösten müssen. Wenn sie „nur“ Abendessen kochen, Spielverabredungen koordinieren, das Badezimmer putzen und das nächstgrößere Paar Socken kaufen müssen. Wenn sie es aushalten müssen, dass zu Hause niemand traurig ist ob der verstorbenen Person, und sie mit diesem Gefühl alleine bleiben. Ein Trauerweg kann auch in die Einsamkeit führen. Wenn man Trauer von Eltern im Internet sucht, bekommt man Ergebnisse für Trauerbewältigung bei Kindern. Mangelnde Sichtbarkeit kann auch einsam machen. Auf den kommenden Seiten finden betroffene Eltern Antworten auf Fragen, die sie sich eventuell bis vor Kurzem nie gestellt haben. Wie spreche ich mit meinem Kind über den Tod? Wie mit meinen eigenen Eltern? Wo finde ich Hilfe und Anlaufstellen vor Ort in Düsseldorf? Und was kann ich tun, wenn ich jemanden trösten möchte? Eltern leisten viel. Schon die richtigen Worte vermögen etwas zu entlasten.

Text: Juliane und Victoria Frankenheim, Natalie McKeever

Über die Autorinnen

Die Schwestern Juliane und Victoria Frankenheim leiten das gleichnamige Bestattungsunternehmen in sechster Generation. Juliane studierte Personalmanagement und Victoria Wirtschaftspsychologie, bevor sie sich gemeinsam zu Bestattermeisterinnen ausbilden ließen und in den Familienbetrieb eintraten. In ihrer Arbeit legen sie Wert darauf, jedem Trauernden den Abschied zu ermöglichen, der sich richtig und tröstlich anfühlt. Als junge Mütter machen sie sich zudem dafür stark, Berührungsängste mit dem Thema Tod abzubauen – nicht zuletzt in ihrem Podcast „Sterbenswörtchen“.

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