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Herr der Spiele

Im Jugendzentrum „GG“ sorgt Ben Schneider dafür, dass Gamer:innen aller Façon sich willkommen fühlen. GG steht für „good game“, damit beendet der höfliche Gamer ein Multiplayerspiel.

Porträt von Ben Schneider, im Hintergrund Gaming-Arbeitsplätze

Pia Arras-Pretzler

24.06.2024

Lesezeit 3 Minuten

Wer als unbedarfter Erwachsener ins GG an der Akademiestraße 5 mitten in der Altstadt kommt, wird von Zauberer Gandalf beschimpft: „Hintereingang am Hafenbecken benutzen, ihr Narren“, verkündet ein Plakat an der verschlossenen Tür. Dort aber empfängt mich Ben Schneider außerordentlich freundlich und erklärt, was es mit diesem Ort auf sich hat: „Das GG ist ein ganz normales Jugendzentrum für junge Menschen zwischen zwölf und 27, in denen sie die Gaming-Kultur ohne Vorurteile zelebrieren können – eine pädagogische Einrichtung wie alle anderen Jugendzentren auch: Dort wie da geht es um Teilhabe, nur dass hier keine Kicker stehen, sondern richtig gute Gaming-PCs.“ So weit, so gut. Ich verstehe alles und nichts und denke sofort an die Kämpfe mit meinen Kindern, damit sie die verabredeten Zeiten einhalten. Hier stehen vielleicht 30 PCs nebeneinander, und das soll klappen? Und wie tickt der Mann, der sich das alles ausgedacht hat? Ben ist Düsseldorfer, verheiratet mit einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin aus dem Pott und Vater eines derzeit fünfjährigen Sohns. Er hat einen Garten, aber keinen Grill, ist Vegetarier, leidenschaftlicher Motorrad-Schrauber, spielte dazu passend Football bei den Düsseldorf Panthern und E-Bass in einer Band und hadert manchmal wie alle bald 40-Jährigen damit, dass er nicht mehr ganz so jung ist, wie er sich in Erinnerung hat. An seine Schulzeit denkt er ungern zurück – sein ADHS machte es ihm alles andere als leicht. Es zog ihn in Richtung soziale Arbeit, also wurde er erst einmal Zivildiener, jobbte in Bars und arbeitete bald als Honorarkraft für den Jugendverband evangelische jugend düsseldorf, der auch Träger des GG ist, und entschied sich dann, eine Ausbildung als Heim- und Jugend-Erzieher zu machen. 

Jugendarbeit ohne Gaming ist anachronistisch.

Ben Schneider

Die Idee für das Gaming-Jugendzentrum wurde kurz vor seinem Sohn geboren: „Vor meinem Erziehungsurlaubsjahr arbeitete ich in einem Oberbilker Jugendzentrum. Einmal haben wir mit den Jugendlichen rumgesponnen, was wir machen würden, wenn wir richtig viel Geld für so ein Zentrum hätten. Es kamen ganz unterschiedliche Ideen, aber für alle war klar, dass man dort gamen kann. Und ich dachte mir: Warum eigentlich nicht?“ Weil sein Chef ihm nicht sofort den Vogel zeigte, arbeitete Ben einen Plan aus. Der ging durch, wenn auch sehr knapp: 31 Ja-Stimmen zu 30 Nein-Stimmen, und die Wellen schlugen hoch. Gaming hat ja nach wie vor einen miserablen Ruf unter den Erwachsenen. „Tatsache ist aber, dass Zocken ein Teil der Lebenswirklichkeit von Jugendlichen ist. 92 Prozent aller Jugendlichen geben an, regelmäßig zu spielen, und die durchschnittliche Spielzeit pro Tag beträgt 81 Minuten.“ Ben Schneider versteht das Angebot des GG als „lebensweltbezogene Arbeit“ und will gegen Vorurteile vorgehen, denen Gamer:innen immer noch begegnen. Aus Pädagog:innensicht herrschen im GG ideale Bedingungen für Jugendliche: „Wer hierherkommt, weiß von vornherein, dass er mit allen anderen etwas gemeinsam hat.“ Ben erklärt mir auch, warum es für Jugendliche zu Hause so viel schwerer ist, sich von einem Spiel loszureißen: „Wenn ich mit anderen gemeinsam online spiele, dann ist das wie ein superlanges Telefonat. Gaming ist tatsächlich ein soziales Hobby. Man unterhält sich ja nicht nur über das Spiel, sondern über alles Mögliche. Und wenn ich eine Pause machen möchte, dann muss ich das Gespräch beenden, und das will niemand. Also fängt man eine neue Runde an. Im GG ist das anders. Da sitzen zwei nebeneinander, und nach den verabredeten 45 Minuten spielen sie die Runde zu Ende, legen die Kopfhörer zur Seite, gehen gemeinsam zur Theke und holen sich was zu trinken oder zu essen. Und das Gespräch und die gemeinsame Zeit werden nicht unterbrochen. Deshalb haben wir hier überhaupt kein Problem damit, dass die Zeitslots eingehalten werden.“ Was eher ein Problem ist: der Platz. „Wir sind schon lange auf der Suche nach größeren Räumlichkeiten. Wir müssen ja zum Beispiel dafür sorgen, dass die jüngeren Kinder keinen Blick auf die Spiele ab 16 haben, und so sitzen die älteren dann da oben hinter Trennwänden in ihrer Festung der Einsamkeit.“ Wirklich einsam ist hier aber niemand. „Die zentrale Lage in der Altstadt bringt ihre Probleme mit sich, hat natürlich aber auch Vorteile. Das hier ist ein richtiger Schmelztiegel, in der sich junge Menschen aller Façon gut aufgehoben fühlen.“ Eine Frage noch zum Schluss: Wie hält Ben es mit seinem eigenen Sohn? „Der ist mit seinen fünf Jahren noch zu jung, um schon am PC/Tablet/Handy zu spielen. Er hat auch noch gar kein Interesse daran. Ich freue mich aber schon darauf, irgendwann mein Hobby vielleicht mit ihm zu teilen – aber das kann gern noch dauern.“

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